9. Beschäftigung


Abb. 9.1: Erwerbspersonen in Deutschland

Kommentar: Der deutsche Arbeitsmarkt entwickelt sich in den letzten Jahren erstaunlich positiv. Nach der deutschen Einigung hatte die Erwerbstätigkeit vor der Krise saisonbereinigt ein Maximum von 41,04 Millionen Erwerbstätigen erreicht. In der Finanz-Krise sank sie bis September 2009 leicht auf 40,84 Millionen Im Januar 2020 betrug Zahl der Erwerbstätigen 45,34 Millionen. Bis Juni 2020 ist sie aber infolge der Corona-Krise gegenüber dem Vorquartal um 700 Tausend gesunken. Seitdem stagniert die Erwerbstätigkeit. Und im Mai 2021 betrug die Zahl der Arbeitslosen saisonbereinigt 2,75 Millionen, nach einem Maximum von 3,49 im Juni 2009. 

Zwischen Januar 2010 und Januar 2019 ist die Zahl der Erwerbstätigen um 4,3 Millionen gestiegen, die der Arbeitslosen aber nur um 1,1 Million gesunken. Das bedeutet: die Zahl der Erwerbspersonen hat um 3,2 Millionen zugenommen.


Abb. 9.1a: Erwerbspersonen in Deutschland


Abb. 9.1b: Atypische Arbeitsverhältnisse in Deutschland

Erläuterung: Atypisch sind alle von der Regel abweichenden Arbeitsverhältnisse. Sie werden oft fälschlicherweise mit prekären Arbeitsverhältnissen gleichgesetzt. 

Die Definition der Bundesagentur von Teilzeitbeschäftigung wurde 2011 geändert, so dass Vergleiche nicht mehr möglich sind.

Kommentar: Die meisten atypischen Arbeitsverhältnisse sind Teilzeitbeschäftigungen, die insb. für Frauen wichtig sind. Die Zahl der Leiharbeitnehmer schwankt mit der Konjunktur. Seit 2010 stagniert sie bei einer Million. Die Zahl der kurzfristig Beschäftigten blieb zwischen 2002 und 2008 im Jahresdurchschnitt konstant. Seitdem sinkt sie tendenziell.


Abb. 9.1c: Prekäre Arbeitsverhältnisse in Deutschland

Kommentar: Die relativ hohe Zahl der mutmaßlich prekären Arbeitsverhältnisse sinkt in Deutschland tendenziell: 

  • die der ausschließlich geringfügig Entlohnten sank zwischen 2014 und 2019 von 5 auf 4 Millionen. 
  • Die Zahl der Leiharbeitnehmer schwankt mit der Konjunktur. 2015 erreichte sie eine Million.Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsempfänger sinkt tendenziell gegen 4 Millionen.


Abb. 9.1d: Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit

Kommentar: Von September 2008 bis Dezember 2009 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland um -102 Tausend zurückgegangen, die Zahl der Arbeitslosen um +211 Tausend gestiegen. Gleichzeitig ist die Zahl der Kurzarbeiter auf 808 Tausend angewachsen. Im Mai 2009 war sie vorübergehend auf über 1,4 Millionen angestiegen. Im November 2017 waren es 19 Tausend. 

Im Zeichen der Corona-Krise ist die Zahl der Kurzarbeiter von Februar April 2000 von 134 Tausend auf 3 Millionen angewachsen. In der Finanz-Krise waren es im Maximum 1,44 Millionen gewesen. Bis März 2021 hat sich die Zahl auf 2,6 Millionen mehr als halbiert.


Abb. 9.2: Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland

Erläuterung: Der Vorjahresvergleich der Arbeitslosen und der Erwerbspersonen war 2006 wegen Änderungen der gesetzlichen Definition unbrauchbar. Größere Veränderungen der Zahl der Erwerbspersonen signalisieren Änderungen der Definition von Arbeitslosen!

Kommentar: Die Zahl der Arbeitslosen lag Ende 2009 saisonbereinigt um +186 Tausend über dem Vorkrisenniveau. Das war eine Zunahme um 5,4%. 2010 bis Mitte 2012 sank die Arbeitslosigkeit. Von Oktober 2012 bis Ende 2013 stieg sie wieder. Im Zeichen des letzten Aufschwungs der Beschäftigung sank sie im November 2019 auf 2.276 Tausend. Seitdem ist sie bis Juni 2020 auf 2.939 Tausend gestiegen. Im Mair 1921 waren es 2,7392 Tausend.

Die Zahl der Erwerbspersonen stieg in Deutschland seit 2010 stetig an, bis Januar 2020 um 3,4 Millionen.


Abb. 9.3: Entwicklung der Beschäftigung

Erläuterung: Zu den sonstigen Arbeitnehmern gehören auch Beamte und Soldaten.

Kommentar: Seit 2010 hat die Zahl der Arbeitnehmer, die nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, ständig zu Gunsten der Sozialversicherungspflichtigen abgenommen. 


Abb. 9.3a: Entwicklung der unterschiedlichen Beschäftigungsformen

Erläuterung: Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten ist nach Juni 2011 nicht mehr mit den früheren Zahlen vergleichbar. Als Teilzeit wird nunmehr jede vertraglich festgelegte Arbeitszeit eingeordnet, die geringer als die tariflich bzw. betrieblich festgelegte Regelarbeitszeit ist.


Abb. 9.4: Wachstum und Beschäftigungsentwicklung in Deutschland

Erläuterung: Der Trend der Produktivität repräsentiert die Wirkung von technologischen und organisatorischen Produktivitätssteigerungen, bereinigt um die konjunkturellen Schwankungen des Arbeitseinsatzes. Am aktuellen Rand verliert der HP-Trend (Hodrick-Prescott) seine Trennschärfe.

Kommentar: Nach dem 4. Quartal 2008 fällt im Vorjahresvergleich der starke Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden auf. Der krisenbedingte Produktionsrückgang ist weitgehend durch Verringerung der geleisteten Arbeitszeit kompensiert worden. Inzwischen folgt die Entwicklung der Arbeitsstunden weitgehend der Wachstumsentwicklung. Das gilt auch in der Corona-Krise.


Abb. 9.4a: Konjunktur und Erwerbstätigkeit in Deutschland

Erläuterung: Die Grafik repräsentiert den konjunkturellen Zusammenhang zwischen Wachstum und Erwerbstätigenstunden. Die Verschiebung der rechten Skala gegenüber der linken um 2 %-Punkte entspricht annähernd der durchschnittlichen Beschäftigungsschwelle des Wachstums (= Entwicklung der Produktivität). Regressionszusammenhang 1992-2012, Quartale, Veränderungen in %Vj, R2 = 0,51: Ets = 0,49 * (BIPr – 1,5%), Mittelwert von BIPr = +1,3%. Der Zusammenhang mit den Veränderungen der Erwerbstätigenzahl ist deutlich schwächer (R2 = 0,17).

Kommentar: Das Wirtschaftswachstum bestimmt wesentlich die Entwicklung des Beschäftigungsvolumens (Stunden). 


Abb. 9.4b: Lohnkosten und abhängige Beschäftigung in Deutschland

Erläuterung: Die Lohnkosten pro Umsatzeinheit repräsentieren das Gewicht der Lohnkosten aus Sicht der Unternehmung. Statistische Messungen liefern mittelfristig einen sehr schwachen negativen Zusammenhang zwischen den Entwicklungen von Lohnkosten und Beschäftigung, der in den letzten Jahren tendenziell gegen Null geht (vgl. LZneu.pdf).

Kommentar: Die statistische Prüfung lässt in den letzten Jahren keinen negativen Einfluss der Lohnkosten auf die Beschäftigung erkennen. In der Krise erhöhte umgekehrte die Kurzarbeit die Lohnstückkosten.


Abb. 9.4c: Entwicklung von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung

Erläuterung: Die Vollzeitäquivalente wurden grob geschätzt unter der Annahme, dass eine Teilzeitbeschäftigung 50% einer Vollzeitbeschäftigung entspricht. Ab September 2011 stellte die Bundesagentur für Arbeit ihre Berichterstattung über die Teilzeit um. „Daher ist der Nachweis von absoluten Veränderungen und Veränderungsraten bei der Darstellung von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten statistisch nicht sinnvoll und unsachgemäß (Bundesagentur für Arbeit, Methodenbericht, Beschäftigungsstatistik, Umstellung der Erhebungsinhalte bei den Merkmalen „ausgeübte Tätigkeit“ (Beruf), „Arbeitszeit“ und „Ausbildung“, März 2012).

Kommentar: Die Teilzeitbeschäftigung hat seit Jahren einen bestimmenden Einfluss auf die Beschäftigungsentwicklung in Deutschland. Dies verzerrt die Angaben der Beschäftigungsentwicklung. 


Abb. 9.4d: Entwicklung von Wachstum und Beschäftigung in Deutschland  

Kommentar:Angesichts der Beobachtung, dass in den Beschäftigtenzahlen zunehmend Teilzeitbeschäftigungen mit sehr unterschiedlicher Arbeitszeit enthalten sind, wobei auch Vollzeitstellen in Teilzeitstellen zerlegt werden, kann die Beschäftigungsentwicklung quantitativ nur noch an der geleisteten Arbeitszeit gemessen werden. Das Arbeitszeitvolumen aller Erwerbstätigen war im 3. Quartal 2012 so hoch wie unmittelbar vor der Krise, nachdem es im 1. Quartal 2012 einen Höhepunkt mit 0,8%-Punkten über dem Vorkrisenstand erreicht hatte. Und die preisbereinigten Stundenlöhne lagen im Sommer 2015 erstmals wieder auf dem Niveau von 2001, nachdem sie vor der Krise auf einen Tiefpunkt gesunken waren! – Folgende Zahlen rücken die jüngste Beschäftigungsentwicklung, die in der Öffentlichkeit als „deutsches Beschäftigungswunder“ gepriesen wird, in ein realistischeres Licht. Zwischen dem Vorkrisenniveau 2. Quartal 2008 und dem 2. Quartal 2018 haben sich wie folgt verändert (saisonbereinigt): 

    BIP real                                    +13,1%

    Arbeitnehmer                          +11,6%

    Arbeitnehmerstunden             +9,2%

    Stunden pro Arbeitnehmer      -2,1%.

Im 2. Quartal 2020 - Corona-Krise - ist die Zahl der Arbeitnehmer im Vorjahresvergleich um -1,2% gesunken, die der Arbeitnehmerstunden dagegen um 9,8%, bei einem Rückgang des realen BIP um -11,5%. Im 2. Quartal 2021 hat sich der Rückgang der Arbeitnehmerstunden gegenüber dem Vorquartal auf -4,9% fast halbiert, währen der Einbruch des Wachstums auf -3,0% zurückgegangen ist.


Abb. 9.5: Erwerbstätigkeit in Deutschland nach Wirtschaftsbereichen


Abb. 9.5a: Tertiärisierung in Deutschland

Erläuterung: Als tertiäre Sektoren werden hier Handel, Gastgewerbe, Verkehr und die Dienstleistungsbereiche zusammengefasst.


Abb. 9.5b: Entwicklung der Erwerbstätigkeit nach Wirtschaftsbereichen ab 1999

Erläuterung: Diese Grafik kumuliert die Beschäftigungsveränderungen (in Erwerbstätigenstunden) seit dem 1. Quartal 1998. Vgl. dazu die Wertschöpfungsbeiträge in Abb. 1.4a.

Kommentar: Diese Statistik erfasst die Entwicklung der Erwerbstätigung in geleisteten Stunden und ist deshalb aussagekräftiger als die Statistik der Personen. Der vorübergehende Ausschlag der Finanz-Krise überlagerte den nachhaltigen Strukturwandel der Erwerbstätigkeit – Tertiärisierung. Die Corona-Krise bewirkte vorübergehend einen tiefen Einbruch der geleisteten Stunden.


Abb. 9.6a: Entwicklung der Beschäftigung in Deutschland nach Wirtschaftsbereichen

Kommentar: In der Krise 2008/10 ist die Zahl der Arbeitnehmer insgesamt um -147 Tausend zurückgegangen. Dahinter verbergen sich ein Rückgang im Produzierenden Gewerbe und im Bereich der Unternehmensdienstleistungen von -306 Tausend und zugleich eine Zunahme im Bereich von öffentlichen Dienstleistungen, Erziehung und Gesundheit von +269 Tausend, bei einer Abnahme in den übrigen Bereichen von -110 Tausend. Diese trendartige Zunahme der öffentlichen und privaten Dienstleistungen setzt sich nach 2010 fort und trägt die aktuelle Arbeitsmarktentwicklung.


Abb. 9.6b: Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Deutschland nach Wirtschaftsbereichen (WZ 2008)

Kommentar: Die Zeitreihen der Bundesagentur für Arbeit sind inzwischen saisonbereinigt und aktuell. Hier wird die Beschäftigungsentwicklung noch transparenter (in Tausend Personen) Vergleicht man die aktuelle Beschäftigung mit dem Stand vor der Krise, dann zeigt sich eine dominierende Zunahme in den Bereichen öffentliche Verwaltung, Erziehung und Unterreich und Gesundheitswesen.


Abb. 9.6c: Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Deutschland nach Berufsbereichen

Diese Statistik der Bundesagentur wurde leider nach dem Juni 2011 eingestellt.


Abb. 9.6e: Entwicklung der Beschäftigung in Deutschland nach Verwendungskategorien des BIP

Erläuterung: Eig. Schätzung auf Basis der Input-Output-Statistik des Statistischen Bundesamtes.

Kommentar: Zwischen 1995 und 2016 ist die Zahl der für den Export beschäftigten Arbeitnehmer von 6 auf 9 Millionen angewachsen.


Abb. 9.7: Entwicklung der Beschäftigungsschwelle in Deutschland - Gesamtwirtschaft

Erläuterung: Als Beschäftigungsschwelle gilt jenes Wirtschaftswachstum, das der Produktivitätsentwicklung entspricht und bei dem deshalb die Beschäftigung weder sinkt noch steigt. Der Trend der Produktivität repräsentiert die Wirkung von technologischen und organisatorischen Produktivitätssteigerungen. Er wird hier als HP-Trend (Hodrick-Prescott) dargestellt, der allerdings bei sehr unsteten Verläufen der Ursprungsreihe kein plausibles Ergebnis liefert.

Für die Abb. 9.7 bis 9.7g gilt: Beschäftigung und Produktivität beziehen sich hier auf geleistete Arbeitsstunden.

Abb. 9.7a: Entwicklung der Beschäftigungsschwelle in Deutschland - Produzierendes Gewerbe (o. Bau)

Kommentar: In der Industrie entwickelt sich die Produktivität deutlich prozyklisch. Das bedeutet, dass die Beschäftigung (in geleisteten Arbeitsstunden) erheblich weniger schwankt als die Wertschöpfung. 

Abb. 9.7b: Entwicklung der Beschäftigungsschwelle in Deutschland - Baugewerbe 

Abb. 9.7c: Entwicklung der Beschäftigungsschwelle in Deutschland - Handel, Verkehr, Gastgewerbe

Abb. 9.7d: Entwicklung der Beschäftigungsschwelle in Deutschland - Information, Kommunikation

Abb. 9.7e: Entwicklung der Beschäftigungsschwelle in Deutschland - Finanz-, Versicherungs-Dienstleister

Abb. 9.7f: Entwicklung der Beschäftigungsschwelle in Deutschland - Unternehmens-Dienstleister

Abb. 9.7g: Entwicklung der Beschäftigungsschwelle in Deutschland - öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit


Abb. 9.8: Entwicklung der Jahresarbeitszeit in Deutschland

Erläuterung: Ein nicht unwesentliches Element der Verringerung der Jahresarbeitszeit pro Erwerbstätigen ist die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung.


Abb. 9.8a: Entwicklung der Wochenarbeitszeit in Deutschland 

Erläuterung: Diese Zahl der Wochenarbeitsstunden pro Erwerbstätigen errechnet sich aus Stunden pro Jahr *7 /250. Vgl. dazu Statistik der Arbeitstage des Statistischen Bundesamtes.

Kommentar: Die Spanne der durchschnittlichen geleisteten Arbeitsstunden reichte im 1. Quartal 2020 von 48 Stunden in der Landwirtschaft bis 30 Stunden der sonstigen Dienstleister, bei einem Gesamtdurchschnitt von 38,2 Stunden. Im 2. Quartal ist die Arbeitszeit, bedingt durch die Corona-Krise, stark gesunken.


Abb. 9.9: Arbeitslosigkeit - D, EU, EWU und USA

Kommentar: Die Wirtschaftskrise prägte weltweit die Entwicklung der Arbeitslosigkeit. In Deutschland war die Zunahme der Arbeitslosigkeit allerdings bemerkenswert gering. Und auch der anhaltende Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland 2010/12 wich deutlich von den Entwicklungen in Europa ab. In der EU sankt die seit Sommer 2013 trendartig. Im 4. Quartal 2019 betrug die harmonisierte Arbeitslosenquote in der EU28 6,2% gegenüber dem Tiefpunkt von 6,6% vor Ausbruch der Finanzkrise und dem Höhepunkt von 11% Anfang 2013. 

In der Corona-Krise hat sich die Arbeitslosigkeit in den USA kurzfristig verdreifacht, während sie in Deutschland und in der EU infolge staatlicher Stützungsmaßnahmen nur um 1 Prozentpunkt zugenommen hat.


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