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Zusammenfassender Kommentar zur aktuellen Ausgabe September 2016
letzte Aktualisierung 17.9.2016
(in Klammern Links zu Grafiken - im neuen Fenster oder neuem Tab)

     

    Ganz kurz

  • Die deutsche Konjunktur stagniert auf mäßigem Niveau. Die Wachstumsrate schwankte zwischen dem 2. Quartal 2014 und dem 2. Quartal 2016 nur geringfügig zwischen 1,1% und 1,8%  (1.2, 1.3, 1.3b). In der EU schwankte die Wachstumsrate zwischen dem 4. Quartal 2014 und dem 2. Quartal 2016 um 1,7% (1,6)
  • Der deutsche Auftragseingang stagniert seit Ende 2014, während Industrieproduktion schwach wächst. Dagegen wächst der Einzelhandelsumsatz seit Anfang 2014 nachhaltig. Das ist für die deutsche Konjunktur ungewöhnlich   (2.1, 2.2, 2.2a).
  • Wie vor der Krise finanziert sich auch nach 2010 der hohe deutsche Außenhandelsüberschuss durch Kapitalexport (7.10) – als wäre nichts geschehen!
  • Dagegen wächst die Beschäftigung kräftig und stetig. Nach der deutschen Einigung hatte die Erwerbstätigkeit vor der Krise saisonbereinigt ein Maximum von 41,04 Millionen Erwerbstätigen erreicht. In der Krise sank diese Zahl bis Juli 2009 leicht auf 40,84 Millionen. Im Juli 2016 betrug sie 43,61 Millionen. Und im August 2016 gab es saisonbereinigt 2,71 Millionen Arbeitslose, nach einem Maximum von 3,68 im Juni 2009  (9.1).
  • Allerdings bieten die Zahlen der Beschäftigten ein falsches Bild der Beschäftigung, weil der Großteil der zusätzlichen Beschäftigungsverhältnisse nur Teilzeitbeschäftigungen sind (9.4d). Folgende Zahlen rücken die jüngste Beschäftigungsentwicklung, die in der Öffentlichkeit als „deutsches Beschäftigungswunder“ gepriesen wird, in ein realistischeres Licht. Zwischen dem Vorkrisenniveau 2. Quartal 2008 und dem 2. Quartal 2016 haben sich saisonbereinigt wie folgt verändert (9.4d):
    • BIP real +7,4%
    • Arbeitnehmer +6,8%
    • Arbeitnehmerstunden +2,8%
    • Stunden pro Arbeitnehmer -3,8%
  • Die Beschäftigungsentwicklung wird dominiert von einer trendartige Zunahme der privaten Dienstleistungen (9.6a). Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass ein Großteil dieser Beschäftigungszunahme im Gesundheitswesen, in Heimen und im Sozialwesen stattfindet (9.6b, 9.6c, 9.6d).
  • Zwischen 2008 und 2014 sind 1,9 Mio. neue Arbeitsplätze hinzugekommen, davon
    • 33,8% überwiegend durch Arbeitszeitverkürzung (Jobzerlegung)
      • 6,0% Baugewerbe
      • 9,3% Handel
      • 5,9% Verkehr
      • 12,6% Gastgewerbe
    • 29,5 % bei Unternehmensdienstleister, wovon
      • ein Drittel Arbeitnehmerüberlassung
    • 32,3% bei Öffentlichen Dienstleistern, Erziehung und Unterricht, wobei
      • öffentliche Dienstleister um über 10%-Punkte abgenommen haben,
      • während Erziehung und Unterricht mit über 10% und Gesundheit und Sozialwesen mit fast 40% an diesem Jobwachstum beteiligt sind.

 

Konjunktur und Wachstum

Die deutsche Konjunktur stagniert auf mäßigem Niveau. Die Wachstumsrate schwankte zwischen dem 1. Quartal 2014 und dem 2. Quartal 2016 zwischen 1,3% und 1,7% (1.3, 1.3a, 1.3b). ). In der EU stagniert die Wachstumsrate seit Anfang 2014  auf hohem Niveau, um 2% (1.6).

Die deutsche Konjunkturz wird – positiv wie negativ – geprägt durch die Beiträge der Industrie, die in hohem Maße in den Export gehen. Die Wertschöpfung des produzierenden Gewerbes liegt nur wenig über dem Vorkrisenniveau. Die Dienstleistungen nehmen dagegen seit 2005 stetig zu (1.4a, 1.4b).

Der deutsche Auftragseingang stagniert seit Ende 20142, während Industrieproduktion schwach wächst. Dagegen wächst der Einzelhandelsumsatz seit Anfang 2014 nachhaltig. Das ist für die deutsche Konjunktur ungewöhnlich (2.1, 2.2, 2.2a).

Die deutschen Konjunkturindikatoren von ifo, die auf Managerbefragungen beruhen, schwanken seit 2011 in kurzen Abständen zwischen Abschwung und Aufschwung. Einige erwartete Aufschwünge und Abschwünge sind nicht eingetreten. Seit Anfang 2013 zeigten die Befragungsindikatoren der EWU eine Aufwärtsentwicklung, die Anfang 2016 zu Ende gegangen ist (2.3, 2.4).

Auch die nahe Zukunft der Wirtschaftsentwicklung ist  prinzipiell unsicher. Die veröffentlichten Wachstumsprognosen erweisen sich bei einer statistischen Prüfung als ziemlich wertlos (2.7), und auch die üblichen kurzfristigen Konjunkturindikatoren haben in den letzten Jahren deutlich an Prognosekraft für das Wirtschaftswachstum verloren (2.6 und 2.6a).

 

Privater Konsum

Die Entwicklung der Verbraucherpreise wird in Deutschland und in der EWU vor allem geprägt von der Energiepreisentwicklung. Im August 2016 lag die Inflation in Deutschland bei +0,5%, ohne Energiepreise bei +1,1%. In der EWU ist die Verbraucherinflation zwischen November 2012 und Januar 2015 von 2,8% auf -0,6% gesunken – Ausdruck einer deflatorischen Entwicklung. Im Mai 2016 betrug sie -0,1% (3.6).

Seit Jahren charakterisiert eine ausgeprägte Konsumschwäche das deutsche Wachstum. Preisbereinigt stagnierte in Deutschland der Konsum der privaten Haushalte von 2002 bis 2009. Die Krise 2009 hat in der EU und in den USA den privaten Konsum deutlich in Mitleidenschaft gezogen, während er sich in Deutschland dagegen von der Krise unberührt zeigte. (4.8).. Nach der Krise hat sich der Wachstumsbeitrag des Konsums in Deutschland deutlich vergrößert  (1.3b, 4.2a und 4.2b).

Die Entwicklung des privaten Konsums wird bestimmt von der des verfügbaren privaten Haushaltseinkommens (4.3). Auffällig ist der Einfluss der Unternehmer- und Vermögenseinkommen auf den Konsum der privaten Haushalte, der seit 2004 die Entwicklung dominiert. Erstmals seit 2002 sind diese Einkommen in der Krise tief eingebrochen, während die Arbeitnehmereinkommen stagnierten. In der Krise stabilisierten die Sozialeinkommen die verfügbaren Haushaltseinkommen (4.2a und 4.2b).

Nach der Krise zogen die Arbeitnehmereinkommen deutlich an. Die Selbstständigen- und Gewinneinkommen wuchsen etwas verzögert. Insgesamt sind die verfügbaren Einkommen seit 2010 deutlich gewachsen, und mit ihnen die privaten Konsumausgaben (4.1, 4.3, 8.1).

 

Staat

Der Anteil der primären Staatsausgaben (Gebietskörperschaften) am BIP ist zwischen 2000 und 2008 um 10% abgebaut worden. Zwischen dem 1. Quartal 2008 und dem 4. Quartal 2009 ist er im Zeichen der Krisenhaushalte von 23,7% auf 27,6% angestiegen. Seitdem ist er auf unter 25% gesunken. Der Anteil der Steuereinnahmen ist seit 2005 von 20,0% auf 22,8% im 1. Quartal 2009 angestiegen und hat damit sein Niveau von 2000 wieder erreicht. In der Krise ist er erneut auf 21% gesunken. Inzwischen liegt er stabil bei 22%  (5.2, 5.2a).  Die Steuerlastquote Deutschlands liegt deutlich unter dem Durchschnitt der EU-15 (5.5).

In der Krise ist infolge stark verringerter Einnahmen und gestiegener Ausgaben das öffentliche Defizit deutlich gewachsen, im letzten Quartal 2009 auf fast 6% des BIP. Bis zum Jahresende 2011 ist es weitgehend abgebaut worden.. Seit Anfang 2012 verzeichnete Deutschland nur noch ein geringes öffentliches Defizit,seit 2014 sind es Überschüsse (5.2). Während der Finanzkrise hatten die öffentlichen Haushalte angesichts sehr niedriger Zinsen für kurzfristige Anleihen die Laufzeiten ihrer Anleihen in riskanter Weise verkürzt mit der Folge, dass ihr jährlicher Tilgungsbedarf deutlich gewachsen ist. Die korrigierten Werte der EZB nennen für Deutschland 2011 fällige Staatsanleihen von 21% des BIP, während das Statistische Bundesamt eine Neuverschuldung (Bruttokreditaufnahme) von 29% des BIP angab (Die Laufzeitverkürzung ist in Griechenland die unmittelbare Ursache der Finanzkrise) (5.2b).

 

Investitionen

In Deutschland ist die Investitionsneigung seit langem sehr schwach.  Die Quote der Bruttoanlageinvestitionen ist von 23% im Jahre 2000 auf 20% im Jahr 2008 gesunken. Mit dem krisenbedingten Exporteinbruch seit dem 4. Quartal 2008 war ein starker Rückgang der privaten Investitionen verbunden. Er ist zwar inzwischen teilweise wieder ausgeglichen. Im 2. Quartal 2016 betrug diese Investitionsquote 19,8% - im Tiefpunkt der Krise waren es 18,7% (6.1 und 6.2). Die Entwicklung der Zinsen hat seit den 90er Jahren sichtlich keinen Einfluss auf die Entwicklung der Investitionen (6.6 - vgl. auch 3.12a).

Die Abbildungen 6.3 und 6.3a lassen deutlich die Konjunkturabhängigkeit der privaten Investitionen (ohne Wohnungsbau) erkennen. Erst ab einem überdurchschnittlichen Wachstum der übrigen Wirtschaft von etwa 1,7% wachsen auch die Investitionen. Im Widerspruch zu den Annahmen der klassischen Theorie hängt die Entwicklung der privaten Investitionen in hohem Maße von der übrigen Konjunkturentwicklung ab – Konsum, Staat, Export, Wohnungsbau. Die Investitionen haben also insgesamt keinen bestimmenden Einfluss auf das Wachstum, sondern verstärken sowohl dessen Boomphasen wie dessen Abschwungphasen (vgl. auch Abb.  6.6).

Die lang andauernde Stagnation des Wohnungsbaus seit 2000 hat das deutsche Wachstum spürbar geschwächt. Seit 2011 wächst sein Beitrag zum BIP, und seit dem 2. Halbjahr 2015 ist ein starke Anstieg der Bau-Indikatoren zu verzeichnen (1.1, 1.3b, 2.2b, 6.1, 6.2).

Zwischen 2000 und 2008 ist die deutsche Investitionsquote gesunken, während die gesamtwirtschaftliche Sparquote gestiegen ist. Dieses Finanzierungsungleichgewicht bedeutet eine zunehmenden Geldabfluss ins Ausland. Von den 1,3 Billionen Euro deutsche Gesamtersparnis der Jahre 2002 bis 2008 sind 60% ins Ausland geflossen. Wie viele dieser Ersparnisse im Strudel der Finanzkrise verloren gegangen sind, ist unbekannt. Nach der Krise setzt sich dieser übermäßige deutsche Ersparnisexport wieder fort - als ob nichts geschehen wäre.  Im 2. Quartal 2016 lag der Anteil des Kapitalexports bei 81% der deutschen Gesamtersparnis (6.5, 6.6).

Die Investitionen der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften (ohne Banken) werden in Deutschland ganz überwiegend durch Abschreibungen finanziert. Seit 2004 werden dafür per Saldo nur noch in geringem Umfang Fremdmittel benötigt (6.5b).

 

Geld und Kredit

In der Regel ist das wirtschaftliche Wachstum eng mit der Kreditausweitung der Unternehmungen verbunden (3.5). Eine hohe Liquidität der Unternehmungen mindert allerdings deren Kreditbedarf. Die Geldpolitik der Zentralbank steuert über ihre Zinssätze den Geldmarkt und beeinflusst dadurch Wachstum, Beschäftigung und Inflation. Die aktuellen niedrigen Zinserträge sind allerdings kein Produkt der EZB, sondern Ausdruck des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt (6.6, 3.12a).

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bis zum Herbst 2008 trotz eines weltweiten Abschwungs ihre Zinssätze hochgehalten, aus Sorge um die Preisstabilität angesichts steigender Rohölpreise. Sie reagierte sehr zögerlich und spät auf die Entwicklung des Wachstums. Zur Bekämpfung der Krise senkte die EZB ab Oktober 2008 ihre Zinssätze auf ein extrem niedriges Niveau. Ab April 2011 hat sie in Sorge um die europäische Preisstabilität ihre Zinssätze in zwei kleinen Schritten angehoben. Seit November 2011 hat die EZB ihre Zinssätze jedoch schrittweise gesenkt – die Einlagezinsen zuletzt auf minus 0,4% und die Hauptrefinanzierungszinsen auf 0,00%! – , um einer Kreditklemme entgegenzuwirken. Abb. 3.10 zeigt die Geldpolitik der EZB vor dem Hintergrund ihrer wichtigsten Orientierungsgrößen (dazu auch 3.10a, 3.10b). Den Unterschied zwischen den Geldpolitiken der EZB und der amerikanischen FED demonstriert Abb. 3.12.

Im Gefolge der Turbulenzen an den Finanzmärkten haben die deutschen Banken laut Bankenbefragung seit 2007 die Bedingungen ihres Kreditangebots stetig verschärft. Gegenwärtig ist eine leichte Lockerungstendenz zu erkennen (3.9).

Seit 2009 erhebt die EZB halbjährlich einen „Survey on the access to finance of SMEs in euro area“, der auf Unternehmensbefragungen beruht. Besonders kritisch war die Finanzlage der KMU im 2. Hj. 2009. Während sich die Lage in Deutschland stetig verbessert hat, wird in der EWU etwa 40% der KMU der Kreditwunsch ganz oder teilweise abgelehnt (3.9a, 3.9b, 3.9c, 3.9d, 3.9e).

Seit dem Jahre 2011 ist ist die Nettokreditaufnahme des deutschen Staates allerdings deutlich zurückgefahren worden. Seit 2014 wachsen diese Kreditbestände wieder  (3.4).

Seit 2001 haben die deutschen Banken ihre Auslandsgeschäfte in extremem Maße ausgedehnt. Ein wachsender Teil der deutschen Finanzmittel floss seither ins Ausland (6.5). Ausgangspunkt war ein Niedergang der inländischen Kreditnachfrage  seit 2001 (3.13c). Bis 2008 ist das Aktivsaldo der deutschen Banken gegenüber dem Ausland von 15% auf über 80 % des deutschen BIP gestiegen. Nach der Krise ist es jedoch auf 50% gesunken (3.13a, 3.13b, 3.13d, 3.13e). Dem entspricht die Entwicklung der deutschen Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse (7.7 und 7.8) und des Saldos der deutschen Kapitalbilanz (7.9).

Die internationale Finanzkrise hat sich schlagartig in eine internationale Handelskrise verwandelt. Im September 2008 begann der DAX-Einbruch, im Oktober begannen die Zinssenkungen der EZB, und im November sanken weltweit die Exporte um über 10%, bis Februar 2090 um über 20%. Der Exporteinbruch seit dem 4. Quartal 2008 wurde von einem ähnlich starken Einbruch der Importe begleitet (1.3, 7.3). Dieser plötzliche Einbruch des Außenhandels kann nur durch eine Lähmung der Exportfinanzierung erklärt werden – eine weltweite Klemme der Handelskredite. Inzwischen ist der Einbruch des Welthandels überwunden (7.3b, siehe auch Kasten 2).

 

Außenwirtschaft

Seit dem Exporteinbruch der Krise ist Deutschland nicht mehr Exportweltmeister, sondern China! (7.6a). Das deutsche Wachstum wird jedoch nachhaltig geprägt durch die Entwicklung der Exporte. Dies gilt auch für die Krise. Die durchschnittliche Wachstumsrate Deutschland betrug von 1998 bis 2008 1,5%, davon der Anteil des Binnenwachstums 0,75% und des Außenbeitrags 0,75%. In der Krise lag der Beitrag der Binnenwirtschaft zur Rezession von minus -4,4 nur bei minus -2 %-Punkten. 2010 entfielen von einem Gesamtwachstum von 3,5% 2,4% auf das Binnenwachstum, im 2. Quartal 2016 von +1,7% +1,9% (7.3a).

2012 wurden 39% der deutschen Exporte nicht in Deutschland hergestellt, sondern importiert. Der Anteil der Exporte an der letzten Verwendung der inländischen Produktion betrug 2012 nur 20,1% (7.2, 7.2a). 68% der deutschen Exporte bleiben in Europa. Auch der Exporteinbruch der Krise 2009/2010 resultierte ganz überwiegend aus Europa (7.1). Die Entwicklung der Binnennachfrage in den anderen EU-Ländern beeinflusst die Entwicklung der deutschen Exporte in die EU in starkem Maße. Auch die extreme Parallelität von Importen und Exporten verdeutlicht die konjunkturelle Verflechtung innerhalb des EU-Binnenmarktes  (7.4, 7.4a).

Der Außenhandelsüberschuss stieg bis 2007 auf über 8% des BIP. Nach der Krise liegt er zwischen 6% und 9%. Er stammt überwiegend aus der EU (7.5).

Von 1998 bis 2012 sind die Kosten des Energieimports von 2% auf 5% des BIP gestiegen. Dies minderte die Binnenkaufkraft der Konsumenten erheblich. Von 5% in 2012 ist der nominale BIP-Anteil der deutschen Energieimporte auf 3% in 2015 gesunken, mit spürbaren Auswirkungen auf die Binnenkaufkraft (4.6, 4.7 und 7.1c).

Seit 2001 verzeichnet Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss, der 2007 auf fast 8% des BIP angewachsen ist. Im 4. Quartal 2010 lag er wieder bei 7,3%, im im 1. Quartal 2016 bei 9,7% (7.7 und 7.8). ). Der negative Betrag der Kapitalbilanz ist in Deutschland seit 2004 annähernd gleich groß wie der positive Betrag der Leistungsbilanz und seit 2006 wie der Außenbeitrag. Der deutsche Exportüberschuss wird also in hohem Maße als Kapitalexport realisiert. Seit 2006 entwickelt sich dieser Beitrag auch parallel zu dem Finanzierungsüberschuss der Ersparnis über die Nettoinvestitionen. - Nach einer Delle in der Krise setzt sich diese Entwicklung 2010 fort (7.9, 7.10).

 

Lohnkosten und Wettbewerbsfähigkeit

Die deutschen Lohnkosten sind 2000 bis 2007 um über 8% hinter der Produktivitätsentwicklung zurückgeblieben. Dies addierte sich bis 2007 zu einem Lohnverzicht im Umfang von über 10% eines deutschen Jahres-BIP. Die vielfach geforderte Lohnzurückhaltung hat stattgefunden. Seit dem Sommer 2008 ist infolge des Produktionsrückganges diese Senkung der Lohnstückkosten teilweise wieder aufgezehrt worden (8.2). Besonders in der Industrie ist dies zu beobachten (8.2a).  

In der Krise wurde die Lohnkostenentwicklung in Deutschland geprägt durch einen deutlichen Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen, insb. in der Industrie (minus 10%) (9.8). Seit 2010 wachsen die Arbeitsentgelte pro Arbeitnehmer jährlich zwischen 2% und 3% (8.1).

Alle Grafiken zu Löhnen und Kosten in Kap. 8 verdeutlichen, dass sich die Wettbewerbssituation Deutschlands über die Lohnkosten in den Jahren nach 2000 spürbar verbessert hat. Die Lohnentwicklung in der Industrie der EU ließ eine Tendenz zum Lohnsenkungswettlauf erkennen (8.4). Über die tatsächlichen deutschen Wettbewerbserfolge berichten die Außenhandelsstatistiken in Kap. 7. Die Explosion der deutschen Exportüberschüsse der vergangenen Jahre, insb. im EU-Binnenmarkt, war – neben der gewachsenen europäischen und der schwachen deutschen Binnennachfrage, die die deutsche Importentwicklung beeinträchtigt hat (7.4a und 7.4b) – auch Folge der deutschen Lohnzurückhaltung. Während sich die deutsche Wettbewerbssituation in der EWU zwischen 1999 und 2008 trendartig verbessert hat, prägt die schwankende Dollarentwicklung die Wettbewerbssituation gegenüber den anderen Ländern (8.7).

Außerhalb Europas wird die deutsche Wettbewerbsfähigkeit allerdings beeinträchtigt von den Billiglöhnen in Südostasien. In China beträgt ein Stundenlohn etwa 1,50 Euro. Der Yuan-Kurs (Renminbi) ist staatlich kontrolliert. Bis 2005 war er fest an den Dollar gebunden. Seitdem ist er gegenüber dem Dollar um 34% aufgewertet worden. Aktuell wird er im Verhältnis zum Dollar wieder abgewertet  (8.7a).

 

Beschäftigung

Die Konjunktur bestimmt wesentlich die Beschäftigungsentwicklung (9.4a), während in den letzten Jahren kein Einfluss der gesunkenen Lohnkosten auf die Beschäftigung zu erkennen ist (9.4b, vgl. dazu auch hierzu einen Aufsatz).

    Kasten 1: Beobachtungen des Arbeitsmarktes nach der Hartz-IV-Reform

Der deutsche Arbeitsmarkt entwickelt sich in den letzten Jahren erstaunlich positiv. Die Krise hat ihn 2009 in auffällig abgeschwächter Weise tangiert. Sie ist dort inzwischen überstanden. Nach der deutschen Einigung hatte die Erwerbstätigkeit vor der Krise saisonbereinigt ein Maximum von 40,38 Millionen Erwerbstätigen erreicht. In der Krise sank sie bis Juli 2009 leicht auf 40,23 Millionen. Im Juni 2012 waren es 41,65 Millionen. Im Juli 2016 betrug Zahl der Erwerbstätigen 43,61 Millionen. Analog dazu betrug die Zahl der Arbeitslosen im August 2016 saisonbereinigt 2,68 Millionen, nach einem Maximum von 3,49 im Juni 2009 (9.1, 9.2).

Seit Sommer 2010 wächst die Zahl der Erwerbspersonen, also Erwerbstätige + Arbeitslose, stetig an. Zwischen Juli 2010 und Januar 2016 betrugen die Veränderungen:

    • Erwerbstätige       +2,537 Millionen
    • Arbeitslose            -0,643 Millionen
    • Erwerbspersonen  +1,894 Millionen

Allerdings bieten die Zahlen der Beschäftigten ein falsches Bild der Beschäftigung, weil der Großteil ein zusätzlichen Beschäftigungsverhältnisse nur Teilzeitbeschäftigungen sind. Von Juni 2010 bis Juni 2011 hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse um 715 Tausend zugenommen. Darin war eine Zunahme der Teilzeitbeschäftigten um 850 Tausend und eine Abnahme der Vollzeitbeschäftigten um -134 Tausend enthalten (9.4c).

Folgende Zahlen rücken die jüngste Beschäftigungsentwicklung, die in der Öffentlichkeit als „deutsches Beschäftigungswunder“ gepriesen wird, in ein realistischeres Licht. Zwischen dem Vorkrisenniveau 2. Quartal 2008 und dem 2. Quartal 2014 haben sich wie folgt verändert (saisonbereinigt): 2008 und dem 2. Quartal 2016, also in 8 Jahren, haben sich wie folgt verändert (saisonbereinigt):

    • BIP real    +7,4%
    • Arbeitnehmer    +6,8%
    • Arbeitnehmerstunden   +2,8%
    • Stunden pro Arbeitnehmer  -3,8%

Die Beschäftigung wuchs erheblich infolge einer Verringerung der durchschnittlichen Arbeitszeit. Das tatsächliche Arbeitsvolumen (Arbeitnehmerstunden) wuchs dagegen deutlich schwächer als das BIP (9.4d).

Angesichts der Beobachtung, dass in den Beschäftigtenzahlen zunehmend Teilzeitbeschäftigungen mit sehr unterschiedlicher Arbeitszeit enthalten sind, wobei auch Vollzeitstellen in Teilzeitstellen zerlegt werden, kann die Beschäftigungsentwicklung quantitativ nur noch an der geleisteten Arbeitszeit gemessen werden.

Die vielbeklagte Zunahme der prekären Beschäftigungsverhältnisse wird durch die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit nicht bestätigt. Die Leiharbeitnehmer fungieren deutlich als Konjunkturpuffer. Sowohl die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten als auch die der kurzfristig Beschäftigten stagnieren seit 2004 (9.1b, 9.1c, 9.3a, 9.6b).

Ein Vergleich zwischen den Beiträgen der Wirtschaftsbereiche zum Wirtschaftswachstum und zur Beschäftigungsentwicklung zeigt auffällige Unterschiede (1.4 und 9.6a). In der Krise 2008/10 ist die Zahl der Arbeitnehmer insgesamt um -147 Tausend zurückgegangen. Dahinter verbergen sich ein Rückgang im Produzierenden Gewerbe und im Bereich der Unternehmensdienstleistungen von -306 Tausend und zugleich eine Zunahme im Bereich von öffentlichen Dienstleistungen, Erziehung und Gesundheit von +269 Tausend, bei einer Abnahme in den übrigen Bereichen von -110 Tausend. Diese trendartige Zunahme der privaten Dienstleistungen setzt sich auch 2010 und danach fort. Sie trägt die aktuelle Arbeitsmarktentwicklung (9.6a). Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass ein Großteil dieser Beschäftigungszunahme im Gesundheitswesen, in Heimen und im Sozialwesen stattfindet (9.6b, 9.6c, 9.6d). Diese Statistiken des IAB zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Deutschland sind zwar differenzierter, aber weniger aktuell.

Zwischen 2008 und 2014 sind 1,9 Mio. neue Arbeitsplätze hinzugekommen, davon

  • 33,8% überwiegend durch Arbeitszeitverkürzung (Jobzerlegung)
    • 6,0% Baugewerbe
    • 9,3% Handel
    • 5,9% Verkehr
    • 12,6% Gastgewerbe
  • 29,5 % Unternehmensdienstleister, wovon
    • ein Drittel Arbeitnehmerüberlassung
  • 32,3% Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Unterricht, wobei
    • öffentliche Dienstleister um über 10%-Punkte abgenommen haben,
    • während Erziehung und Unterricht mit über 10% und Gesundheit und Sozialwesen mit fast 40% an diesem Jobwachstum beteiligt sind.

Insgesamt vollzieht sich die Tertiärisierung der Erwerbstätigkeit in Deutschland unaufhaltsam: während der Erwerbstätigenanteil der tertiären Sektoren 1991 noch bei 60% gelegen hatte, ist er bis 2016 auf 74% gestiegen. Den Schwerpunkt des Wachstums der Dienstleistungen bilden die Unternehmensdienstleistungen (9.5a, 9.5b). Vergleicht man allerdings die Beschäftigung vom Juni 2011 mit dem Stand vor der Krise, dann zeigt sich eine dominierende Zunahme in den Bereichen Gesundheit und Soziales, die den strukturellen Abbau im Produzierenden Gewerbe kompensiert.

Die Wirtschaftskrise prägte weltweit die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die Zunahme der Arbeitslosigkeit war in Deutschland dagegen vergleichsweise gering. Und auch der anhaltende Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 2010 weicht deutlich von den Entwicklungen in Europa ab (9.9).

    Kasten 2: Arbeitsmarkt in der Krise

Zusammenfassung

An den verfügbaren Statistiken lässt sich die aktuelle Wirtschaftssituation zusammenfassend wie folgt ablesen:

2. Quartal 2016 (die Vorquartalsänderungen sind aufs Jahr hochgerechnet):

 

 

Quartal

Veränderung

 

 

 

gg. Vj.

gg. Vq.

Gesamtwachstum (preisber.)

2016QII

1,7%

1,6%

dazu Beiträge

 

 

 

 

Export (preisber.)

2016QII

2,1%

4,8%

 

Import (preisber.)

2016QII

3,0%

-0,3%

 

Binnenwachstum (preisber.)

2016QII

2,1%

-1,2%

 

private Investitionen o. Wohnungsbau (preisber.)

2016QII

0,5%

-8,0%

 

privater Wohnungsbau (preisber.)

2016QII

-0,1%

-16,1%

 

privater Konsum (preisber.)

2016QII

1,5%

0,9%

 

Staatsausgaben (preisber.)

2016QII

4,0%

0,7%

Verfügbare privates Haushaltseinkommen (nominal)

2016QII

3,4%

3,6%

Arbeitsentgelte

2016QII

4,0%

2,2%

Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen

2016QII

9,3%

21,4%

Arbeitsentgelte pro Arbeitnehmer

2016QII

1,8%

1,1%

Erwerbstätige

2016QII

1,2%

1,1%

geleistete Erwerbstätigenstunden

2016QII

1,7%

4,5%

Kredite (nur aus dem Inland)

 

 

 

 

an Unternehmen

2016QII

1,8%

0,6%

 

an Selbständige

2016QII

1,6%

2,2%

 

an Unselbständige

2016QII

3,5%

4,2%

 

Monatsvergleich:

 

 

 

 

 

Monat

Wert

Veränderung

 

 

 

gg. Vj.

gg. Vm.

Industrieproduktion (preisber., saisonber.)

Juni 16

 

0,6%

0,8%

Auftragseingang der Industrie (preisber., saisonber.)

Juni 16

 

-2,8%

-0,4%

Einzelhandelsumsatz (o. KFZ, preisber., saisonber.)

Juli 16

 

1,5%

1,7%

Ausfuhren (nominal)

Mai 16

 

-1,0%

0,2%

Einfuhren (nominal)

Juni 16

 

-0,9%

1,1%

Einlagezinssatz EZB

Juli 16

-0,40%

 

 

Basiszinssatz Bundesbank

Juli 16

-0,88%

 

 

Tagesgeldsatz EONIA

Juli 16

-0,33%

 

 

Umlaufrendite inländischer Inhaberschuldverschreibungen

Juli 16

-0,10%

 

 

Verbraucherpreise

Juli 16

0,4%

 

 

Verbraucherpreise ohne Energie

Juli 16

1,3%

 

 

ifo-Geschäftserwartungen (Veränderung in Punkten)

Aug 16

 

-2,3

-2

Erwerbstätige (Tausend, saisonber.)

Juni 16

 

529

47

Arbeitslose (Tausend, saisonber.)

Juli 16

 

-115

-8

Kurzarbeiter (Tausend - Mai 2009 = 1.400)

Juni 16

40

 

 

 

Diese Daten zeigen überwiegend positive Konjunkturtendenzen. Der rückläufige Autragseingang ist ein Warnsignal.

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